HiFi: Masse statt Klasse

Au mann, das muss ja ein richtiges Schnäppchen sein:
Otto-Katalog Frühjahr Sommer 2004, Seite 1256:

8500 Watt
Samsung-Highpower-Minianlage:
„Max-ZS 990“: fette Minianlage mit 4 Boxen plus krassem aktivem Subwoofer (630 Watt RMS).
Spielt neben CD-R/-RW auch MP3-CDs, 6 voreingestellte Equalizer-Modi, Jog-Dial, Dimmer, Super-Bass-Sound, Sleeptimer und Power Surround Sound. Full-Logic-Autoreverse-Doppelcassettendeck, 3-fach-CD-Wechsler und 30 Radio-Stationsspeicher, Digitalausgang, Cinch, Kopfhöreranschluss und 75-Ohm-Antennenausgang (kabeltauglich).
[…]

Das ganze ab (!) 349,90 Euro. Natürlich nicht in der 8500-Watt-Version, (die kostet nämlich 479,90 Euro bei 24 Monaten Garantie), sondern in der Nur-4600-Watt-Version. Aber egal, man muss halt genau lesen und gucken, welche Abbildungen zu welchem Text gehören!

Vorbei die Zeit, in der man kurze fundierte Angaben zu den Produkten erhalten hat?
Zielgruppe sind vermutlich 12-jährige Teens, die mal so richtig protzen wollen, dass sie gerade eine 8500-Watt-Anlage für unter 500 Euro gekauft haben.
Ob das nun Musik-Spitzenleistung ist (steht klein über dem Watt-Wert), Sinus-Leistung oder RMS-Leistung,
dürfte den Kiddies wohl reichlich egal sein. Vermutlich kennen sie nichtmal den Unterschied.
Das machen sich einige Hersteller wohl zu Nutze um den Verkauf anzukurbeln.
Aber: die RMS-Angabe steht im Text: Bei der großen Anlage: 630 Watt, bei der kleinen 360 Watt RMS.

Angesichts des Preises, der RMS-Wattzahl und der genannten Features kommen mir da doch arge Zweifel.
Ob die Anlage mit Starkstrom läuft steht da auch nicht 😉

Damit die Leser hier nicht ganz dumm sterben, erklär ich hier mal die Unterschiede.
(Quelle: Musik-Elektronik Taschenlexikon von Jan-Friedrich Conrad)

Sinusleistung:
Maximale Ausgangsleistung, die ein Verstärker dauerhaft abgeben kann, ohne zu stark zu klirren oder Schaden zu nehmen. Gemessen wird mit einem Sinuston einer bestimmten Frequenz. Vollständig ist die Angabe nur, wenn der dazugehörige Klirrfaktor, die Frequenz des Sinustons und die Impedanz der angeschlossenen Lautsprecher angegeben sind.

Nennleistung:
Diejenige Ausgangsleistung, die ein Verstärker (Endstufe) über einen längeren Zeitraum verzerrungsarm abgeben kann, ohne Schaden zu nehmen. Sie wird zumeist als quadratischer Mittelwert oder als Sinusleistung in W (Watt) angegeben. Die Nennleistung ist als Anhaltspunkt aussagekräftiger als die Spitzenleistung (Musikleistung), deren Werte sehr vom Versuchsaufbau abhängen. Die Verstärkerleistung hängt von der Impedanz der angeschlossenen Lautsprecher ab (angegeben in Ohm): je höher der elektrische (Schein-) Widerstand, die die Boxen dem Verstärker entgegensetzen, desto niedriger die Leistung. Zu niedrige Impedanzen wirken wie ein Kurzschluß des Ausgangs und können den Verstärker zerstören. Die meisten Boxen weisen eine Impedanz von acht Ohm auf; nicht alle Verstärker können an Boxen mit nur vier oder gar zwei Ohm Impedanz angeschlossen wrden. Zur Angabe der Nennleistung gehört immer der dazugehörige Klirrfaktor: er steigt an, wenn der Verstärker sich seiner Leistungsgrenze nährt.

RMS:
Abkürzung für: Root Mean Square, englisch für: Quadratischer Mittelwert oder Effektivwert. Der quadratische Mittelwert ergibt eignet sich, um die Leistung anzugeben. Dazu wird die Quadratwurzel aus dem Mittelwert der Summe der Quadrate (der Spannung) gezogen.

Musikleistung:
Quelle: http://www.drmh.de/faq/faq.html#2.2.1

Leistungen können auf verschiedene Arten gemessen werden. Sinnvolle Werte liefern Messungen über längere Zeit (Dauerleistung). Einige Hersteller versuchen mit irrwitzig hohen Leistungsangaben ihre Produkte anzupreisen
(z.B. „500 Watt-Verstärker“, die bei genauerer Betrachtung jedoch nur ein 20 Watt-Netzteil enthalten). Bei Begriffen wie „Musik-“ oder „Spitzenleistung“ sollte man sehr vorsichtig sein. Diese Werte geben die Leistung an, die nur extrem kurzzeitig (z.B. bei kurzen Schlagzeugspitzen) abgegeben werden kann. Damit allein ist jedoch keine sinnvolle Aussage möglich. Die Leistungsangabe ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einfach ein reiner Phantasiewert.

Eine Mini-Anlage mit 8500 Watt anzupreisen ist schon echt ein Unding, finde ich.
Zum Vergleich: Meine Verstärker hat 125 Watt, vermutlich RMS. Im Handbuch steht:
125 W (21,0 dBW) Continuous Average Power Output into 8 Ohm

Mein aktiver Subwoofer hat gar nur 60 W RMS laut Handbuch!

Himmel, da muss ich mir ja fast Sorgen machen, ob da überhaupt Musik rauskommt … 😉

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